Auf der Walz mit wenig Geld

 

Kein Auto, kein Smartphone, kein konkreter Plan – Annabells Bruder Marius startet im Herbst etwas, was wohl die wenigsten kennen: Nur mit dem Nötigsten ausgestattet

lässt der 24-jährige Zimmerer sein gewohntes Leben zurück, um sich auf eine ungewöhnliche Reise zu begeben: die Walz. Ein Interview unter Geschwistern …

 

 

Was machst du auf der Walz?

Grundsätzlich arbeite ich gegen Geld, genauso wie alle anderen Handwerker auch. Dabei möchte ich vor allem für Privatpersonen und manchmal auch für Firmen arbeiten. Das ist die eine Hälfte. Andererseits möchte ich soziale Projekte unterstützen, das bedeutet solidarische Arbeit. Ich finde es wichtig denen zu helfen, die nicht so viel Geld haben, sich einen Handwerker zu leisten und dort dann als helfende Hand ohne Lohn, aber für Unterkunft und Essen mitzuarbeiten. Diese Dinge interessieren mich auch persönlich, wie Wohnprojekte, alternative Bauernhöfe oder Selbstversorger.

 

Wie lange gehst du auf die Walz?

Traditionellerweise ist man mindestens drei Jahre und einen Tag unterwegs – also genau einen Tag länger, als die Ausbildung gedauert hat – und so werde ich es voraussichtlich auch machen. Man kann aber auch verlängern.

 

Warum hast du dich entschieden auf die Walz zu gehen?

Vor allem ist es eine Selbsterfahrung für mich und eine Erfahrung um für sich heraus zu finden, was will ich, was brauche ich, was kann ich und wie komme ich zurecht. Das ist in meinen Augen auch eine Selbstfindung und eine Art Suche.

 

Welche Teile der Welt möchtest du bereisen?

Zunächst werde ich in Deutschland und Österreich bleiben, da das so auch üblich ist. Dann möchte ich aber auch weiter weg, nach Skandinavien, dort ist die alte traditionelle Handwerkskunst noch verbreitet oder die Schweiz, da gibt es einfach viel Geld zu verdienen 😉 Außerdem möchte ich nach Kanada und Südamerika, weil es dort total schön sein soll. Und es interessiert mich auch Japan, dorther sollen nämlich die besten Zimmerer kommen. Am meisten interessiert mich wie andere Menschen mit ihrem Leben umgehen und sich auf sie einzulassen, um sie somit kennen zu lernen.

 

Auf was kannst du während der Walz auf keinen Fall verzichten?

Für mich ist das wichtigste Gesellschaft und eine gewisse Erfüllung in dem was ich tue während der Walz. Ich möchte also voll hinter meiner Arbeit und meinem Ergebnis stehen.

 

Welche drei Dinge hast du auf jeden Fall dabei?

Das ist gar nicht so einfach: Kleidung, ein Schlafsack und zwei Bücher – eines zum Lesen und eines zum Schreiben und natürlich auch gute Laune.

 

Trotz der modernen Zeit nimmst du kein Handy mit, oder?

Genau, für mich ist das etwas Gutes, da es eine Art Entschleunigung ist. Die Welt ist mir momentan nämlich sehr viel zu schnell. Ich denke das Handy wird mir wenig fehlen.

 

 

Vor was hast du Angst oder Respekt?

Ehrlich gesagt habe ich etwas Respekt davor einsam zu sein. Ich denke Personen werden mir wahrscheinlich nicht fehlen, denn ich weiß, wenn mich jemand vermisst, dann wird derjenige mich besuchen kommen und ich glaube nicht, dass ich alleine sein werde.

 

Wie glaubst du hast du dich verändert, wenn du von der Wanderschaft zurückkehrst?

Ich bin wahrscheinlich ein Brocken mit einem ziemlich langen Bart (lach) und habe kraftmäßig etwas zugelegt. Bestimmt bin ich gezeichnet und habe ein paar Falten bekommen. Sicher sehe ich auch sehr viel reifer oder erwachsener aus. Ich denke ich bin dann selbstbewusster und achte mehr auf das, was ich brauche und was die Menschen um mich herum brauchen. Ich hoffe, dass ich dann nachhaltiger leben kann, weniger verbrauchen und mehr miteinander zu leben. Das finde ich wichtig. Allgemein denke ich nicht darüber nach, was passiert, wenn ich zurück bin.

 

Wie fühlst du dich jetzt, bevor du dich auf den Weg machst?

Ich bin neugierig, aufgeregt, angespannt und gleichzeitig entspannt. Ich fühle mich sehr frei und irgendeine Mischung von ängstlich und ehrfürchtig und ich habe Bock (Lust).

 

 

Gut zu wissen

Wer kann denn alles auf die Walz gehen?

 

Jeder handwerkliche Beruf kann auf die Walz gehen. Früher war es nur für Handwerker auf dem Bau üblich, heute können allerdings neben Zimmerern, Dachdeckern, Schreinern auch Bootsbauer, Konditor, Bäcker, Köche, Gärtner, Hutmacher, Schneider, Steinmetze und Schlosser sich auf den Weg machen. Insgesamt gehen unter 1 % der Handwerksberufe, die abschließen auch auf Walz. Dabei hat jede Berufsgruppe eine anders farbige Kleidung, die Kluft heißt.

Die Wandergesellen reisen mit Schächten, das heißt sie gehören zu einer bestimmten Art von Handwerkern, das ist so ähnlich wie eine Organisation. Marius reist als sogenannter Freireisender.

Obwohl man seine eigene Familie „verlässt“, bekommt man in diesem Augenblick eine neue Familie und zwar die anderen Wandergesellen/innen. Sie sind dann füreinander wie ein Auffangnetz, denn man kann ja auch zusammen losziehen, sich verabreden und man trifft zwischendurch immer wieder andere, die dasselbe Ziel haben. Außerdem gibt es Sozialbaustellen bei denen viele Handwerksgesellen zusammen an einem Projekt arbeiten, wie Kindergärten oder Gemeindehäuser, dabei arbeiten sie ohne dass sie dafür bezahlt werden.

 

 

Die maßgeschneiderte Kluft besteht aus:

 

Die Kluft trägt man immer, egal ob Sommer oder Winter und grundsätzlich besitzt man nicht viel andere Kleidung außer Wechselklamotten oder Unterwäsche.

 

  • kragenloses Hemd auch Staude genannt
  • Weste
  • Jackett
  • Schlaghose 1. Um zu verhindern, dass Sägespäne in die Schuhe fallen und 2. Früher haben einige Handwerker auch auf Schiffen gearbeitet und um keine nassen Füße zu bekommen, konnten sie den Schlag so ganz schnell hochziehen.
  • Gürtel mit besonderer Schnalle, mit dem Zunftzeichen
  • Hut, er ist ein Zeichen der freien Menschen

 

Außerdem:

  • Werkzeuge wie einen Meterstab
  • Wanderstock
  • Wanderbuch mit Stempeln und Arbeitszeugnis
  • Liederbuch
  • Ohrring
  • Tücher, in die die Habseligkeiten eingeschlagen werden, sie werden auch Charlies genannt und können in einer Kraxe zusammengehalten werden

 

 

 

Auch die Musik ist ein wichtiger Bestandteil der Wanderschaft, viele besitzen ihr eigenes Liederbuch. Die Lieder ähneln zum Teil denen der Pfadfinder oder sind selbst geschrieben. Ihre Melodien gleichen bei dem ersten Eindruck denen aus dem Mittelalter und haben des Öfteren auch altertümliche deutsche Texte. Wenn man die Wandergesellen in einer Gruppe „schallern“ hört, dann ist das eine wahnsinnige Atmosphäre, denn der laute Gesang erfüllt den ganzen Raum und schafft Gemeinschaft.

 

Manche Wörter versteht man gar nicht so einfach, denn sie benutzen einige Begriffe, die dem Plattdeutschen ähneln wie zum Beispiel „Tippelei“, das heißt Wanderschaft.

 

Grundsätzlich gilt:

Alle Wandergesellen ziehen ohne Handy los. Zudem gilt eine Bannmeile, das heißt dass immer eine 50-km-Entfernung zum Heimatort eingehalten werden soll. Dadurch wird man dazu gezwungen eigenständig zu leben.

Außerdem darf man nicht länger als drei Monate an einem Ort bleiben.

Streng genommen gibt es nur spezielle Vorgaben für Handwerker, die losziehen wollen. Sie müssen ledig, kinderlos, schuldenfrei sein und sollten unter 30 Jahre alt sein.

Man sollte allgemein kein Geld für Unterkunft und Fortbewegungsmittel ausgeben. Also wenn ihr einem Wandergesellen begegnet, dann könnt ihr eure Eltern bitten, ihn mitzunehmen, garantiert wird es interessant für euch.

 

Vielen Dank für das tolle Interview, Annabell!


                                        

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