Kinderkrimi ,,Luzi“

 

 

 

 

 

Es war Juli und die Ferien standen vor der Tür. Die Sommerferien verbrachte ich meistens bei meinem Vater in München. Meine Eltern waren geschieden und ich lebte bei meiner Mutter in Hamburg. Mein Vater ist nach der Scheidung in das Haus seiner Großeltern am Stadtrand von München gezogen. Er wohnte dort alleine und zurückgezogen. Ich mochte das Haus mit seinem muffigen Geruch, seinen alten Möbeln, Bildern und Fotos.

 

Leider musste mein Vater noch ein paar Tage arbeiten, bevor wir gemeinsam in den Urlaub fahren konnten. Ich saß in der Küche und wartete auf meinen Vater. Er wollte heute früher von der Arbeit heimkommen. Als ich sein Auto in der Einfahrt hörte, rannte ich nach draußen. Er hatte eine große Tüte in der Hand. „Was ist da drin?“, fragte ich aufgeregt. „Eine Überraschung für dich!“, sagte er und reichte mir die Tüte. Ich sah neugierig hinein. Es war eine riesige Puppe. Ich fragte mich, wie er auf die Idee kam, mir eine Puppe zu schenken, ich war doch kein Kind mehr! „Danke Papa“, seufzte ich und betrachtete die Puppe kritisch.

 

„Ich wusste, sie gefällt dir“, sagte mein Vater, „im Laden haben sie gesagt, sie hieße Luzi.“ Ich sah Luzi eine Weile irritiert an. Sie war ziemlich groß und hatte etwas Menschliches an sich. Ich gruselte mich fast vor ihr. Da ich aber meinen Vater nicht enttäuschen wollte, tat ich so, als würde mir die Puppe gefallen.

 

Wenig später aßen wir zu Abend und unterhielten uns noch eine Weile. „Es ist spät, ich denke, ich sollte jetzt schlafen gehen!“, stellte ich gähnend fest. Papa brachte mich nach oben in mein Zimmer und setzte Luzi neben mich. „Gute Nacht, Anna!“, sagte er und gab mir einen Gute-Nacht-Kuss. Ich machte das Licht aus. Lange wälzte ich mich hin und her, bis ich schließlich einschlief.

 

Mitten in der Nacht schreckte ich hoch, denn ich hörte ein furchtbares Flüstern und Gekicher. Ich knipste das Licht an und stellte fest, dass Luzi verschwunden war! Kann das sein, dass sie kichert und flüstert? Ich sah mich um, doch weit und breit keine Luzi. Plötzlich hörte ich wieder das leise Flüstern und das böse Gekicher. Ich verkroch mich unter die Decke und sagte mir immer wieder: Das bildest du dir nur ein, das bildest du dir nur ein! Mit Sicherheit gibt es eine Erklärung dafür. Dann schlief ich ein.

 

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, saß Luzi wieder neben mir. Ich zuckte zusammen, als ich sie sah. War sie gestern Nacht nicht verschwunden? Offensichtlich habe ich alles nur geträumt. Erleichtert stand ich auf und lief in die Küche. Mein Vater saß schon am Tisch und frühstückte.

 

Als er mich sah, lächelte er. „Guten Morgen! Hast du gut geschlafen?“ „Nicht besonders gut“, erwiderte ich und erzählte Papa von meiner Nacht. Als ich fertig war, sah mich mein Vater mit einem Schmunzeln auf den Lippen an. „Das war sicher nur ein böser Traum. Luzi ist nur eine Puppe und sie kann sich nicht bewegen.“ Ich nickte nur stumm und dachte über den Traum nach. Luzi machte mir irgendwie Angst, obwohl ihr Gesicht eigentlich freundlich aussah, dennoch fürchtete ich mich vor ihr. Sie hatte etwas Unheimliches in ihren Augen.

Nach dem Frühstück zog ich mich in mein Zimmer zurück und versuchte, mich auf mein Buch zu konzentrieren, doch ich fühlte mich beobachtet. Beobachtet von Luzi, die mich lächelnd anstarrte. Für einen Moment sah es so aus, als ob sie mir zuzwinkerte. Ich geriet in Panik und lief aus dem Zimmer. Ich rannte zu meinem Vater und rief: „Papa, Luzi hat mir zugezwinkert!“ Er meinte: „Nein, das hast du dir sicher nur eingebildet.“ Ich sah ihn wütend an. „Du glaubst mir nicht, oder? Ich weiß, was ich gesehen habe!“ Ich schrie beinahe. Papa sah mich erschrocken an. „Deine Geschichte klingt sehr unglaubwürdig. Sie ist nur eine Puppe! Sie kann weder laufen noch zwinkern oder sich bewegen!“ So wütend sah ich meinen Vater noch nie. Ich ging einen Schritt zurück und murmelte leise: „Ich will Luzi nicht mehr haben! Schaff sie weg von mir, bitte Papa!“ Meine Stimme begann zu zittern. Papa sah mich wütend an und brummte: „Stell dich nicht so an!“ Ich war enttäuscht und lief nach oben, wo ich mich unter meiner Bettdecke verkroch.

 

In der nächsten Nacht wachte ich erneut auf. Luzi saß wie immer neben mir, doch ihre Augen waren irgendwie lebendig. Ich nahm Luzi hoch und trug sie aus dem Zimmer. Schnell rannte ich nach draußen und warf Luzi in die Mülltonne und schloss den Deckel. Zur Sicherheit legte ich noch ein paar Pflastersteine oben drauf. Ich lief zurück in mein Zimmer und konnte endlich einschlafen. Am nächsten Morgen war alles wie immer, nur ohne Luzi. Papa saß unten und las Zeitung. Er musterte mich und fragte: „Hast du dich wieder beruhigt?“ „Papa, ich habe mir das nicht eingebildet!“, schrie ich und rannte zurück in mein Zimmer. Ich war so sauer auf meinen Vater. Warum wollte er mir nicht glauben?

 

Heute war ein heißer Tag, sodass in der Nacht noch die Hitze in meinem Zimmer stand. Deswegen öffnete ich zum Schlafen das Fenster. Gerade als ich Ruhe gefunden hatte, hörte ich eine grauenhafte Stimme: „Anna, du hast ja dein Fenster offen gelassen, jetzt kann ich zu dir!“ Ein lauter Schrei entfuhr mir. Ich sprang auf und machte das Fenster schnell wieder zu. Panisch sperrte ich meine Tür ab. Ich hörte leise Schritte davor und schrie auf, als jemand an der Klinke rüttelte. Wieder hörte ich die gruselige Stimme: „Komm schon, Anna! Lass deine kleine Luzi zu dir!“ Ich schrie so laut ich konnte nach meinem Vater. Aber er antwortete nicht …

 

Ich kauerte mich in eine Ecke meines Zimmers und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Was sollte ich bloß machen? Ich vernahm dumpfe Schläge an meiner Tür und jemand rüttelte daran. Auf einmal wurde es ganz still und ich hörte wie sich die Schritte wieder entfernten. Ich wartete noch einen Moment, dann stand ich langsam auf und schlich zur Tür. Ganz vorsichtig öffnete ich sie und spähte in den Flur, aber dort war keine Menschenseele. Voller Panik lief ich in das Zimmer von meinem Vater. Als ich vor seinem Bett stand, stockte mir der Atem. Dort lag Papa blutverschmiert und ein Küchenmesser steckte in seinem Bein.

 

Ich schrie hysterisch und begann zu schluchzen: „Papa! Nein, bitte nicht!“ Ich wollte gerade das Messer aus seinem Bein ziehen, als ich hinter mir Schritte hörte. Ängstlich drehte ich mich um und starrte in den dunklen Flur. „Ist da jemand?“, wisperte ich. Meine Stimme zitterte und ich weinte fürchterlich. Ich hörte ein Kichern. Es war dieselbe Stimme, die ich vorhin schon hörte. Vorsichtig schlich ich in den Flur und sah mich um. Niemand da. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich hatte das Gefühl, mein Brustkorb würde zerplatzen. Ich wartete darauf, dass ich aufwachte und alles nur ein böser Traum war. Aber ich wachte nicht auf…

Ganz langsam und vorsichtig schlich ich die Treppe runter. Unten suchte ich eilig nach einem Telefon, um die Polizei und den Krankenwagen zu rufen. Meine innere Stimme sagte mir: „Lauf! Lauf ganz weit weg!“ Aber ich konnte Papa doch nicht im Stich lassen. Ich wollte gerade die Nummer der Polizei wählen, als ich eine Stimme hinter mir hörte: „Das würde ich an deiner Stelle nicht tun.“ Zitternd drehte ich mich um. Eine Gestalt stand mit blutigen Händen hinter mir und funkelte mich an. Ich konnte sie im Dunkeln nicht gut sehen, dennoch kamen mir die Augen irgendwie bekannt vor. „Luzi, was willst Du von mir?“ kreischte ich. Die Gestalt lachte nur und kniff die Augen zusammen. Dann holte sie mit einem Messer aus. Im letzten Augenblick konnte ich ausweichen. Ich rannte um mein Leben.

 

Ohne darüber nachzudenken, rannte ich nach oben auf den Dachboden, wo ich mich in einem alten Kleiderschrank versteckte und die Türe fest zuhielt. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich in der Falle saß. Ich bemühte mich, nicht die Nerven zu verlieren und atmete tief ein, um zu verhindern, dass ich ohnmächtig wurde. Plötzlich merkte ich, dass ich das Telefon noch in der Hand hatte. Hastig wählte ich den Notruf, doch das Telefon gab keinen Laut von sich. Offensichtlich gab es in dem Schrank keinen Empfang. Schritte näherten sich dem Dachboden. Ich hielt die Luft an. Mein ganzer Körper war angespannt. Plötzlich rüttelte es an der Tür. Vor Schreck ließ ich das Telefon fallen. Mit aller Kraft hielt ich die Schranktüre zu. Meine Finger schmerzten. Ein laut gellender Schrei drang in meine Ohren, dann wurde es taghell und kurz darauf stockfinster. Ich verlor das Bewusstsein.

 

Ich vernahm Schritte auf der Treppe. Ich versuchte meine Augen zu öffnen, doch alles verschwamm vor meinem Gesicht. Mein Kopf brummte und alles drehte sich. Jemand zupfte an meinem Ärmel und schüttelte meinen Arm. „Anna, Anna?“ „Lass mich in Ruhe Luzi“, flüsterte ich. „Anna, mein Name ist Ludwig Ehrlich, ich bin Arzt. Kannst du dich erinnern, was passiert ist?“ „Was ist mit meinem Vater?“ „Deinem Vater geht es gut, er ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Er hat viel Blut verloren, aber er wird es schaffen. Er hat uns gerade noch rechtzeitig verständigen können.“

 

„Luzi … meine Puppe, sie lebt, sie wollte mich und Papa umbringen!“ Die beiden Polizisten, die hinter dem Notarzt standen, schauten sich fragend an. „Luzi? Das war Frau Ranzig. Sie ist aus der geschlossenen Anstalt der Nervenklinik in Haar ausgebüchst. Sie sitzt Gott sei Dank wieder hinter Schloss und Riegel und kann dir nichts mehr tun. Frau Ranzig ist kleinwüchsig und hat schon mehrere Leute zu Tode erschreckt. Wir suchen sie schon seit längerem.“

 

Ich stand vorsichtig auf. Ein wenig schwindelig war mir noch, doch ich konnte die Treppen runter humpeln. Ich ging schnurstracks zum Mülleimer, entfernte die Pflastersteine und öffnete den Deckel. Da lag Luzi. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich sah sie noch kurz an und auf einmal sah es so aus, als ob sie mir zuzwinkerte.

 

 

Von Romy Kink

 

 

 

 

 

 

Vorgelesen von Jule Roller

 

 

 

Ein Kommentar für Kinderkrimi ,,Luzi“

  1. Pippa sagt:

    Ich habe mich ein bisschen gegruselt aber ich fand die Geschichte auch spannend. Ich will nicht so eine Puppe. Ich habe aber schon mal so eine Gruselgeschichte mit einer Puppe gelesen und bei der Geschichte gab es kein happy-end da ist die ganze Familie getötet worden.

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