Interview mit der IMMA

Geheimnisse können auch etwas Belastendes sein.
Das weiß auch Angelika Bauer, Sozialpädagogin und Beraterin in der Beratungsstelle der IMMA für Mädchen
und junge Frauen, nur zu gut.

In einem Interview mit unseren Reporterinnen erzählt sie von den Problemen und Fragen der Mädchen, die zu ihr kommen.

 

MÜK: Mit welchen Problemen kommen Mädchen zu euch?

Angelika Bauer: Zu uns kommen Mädchen, die in einer schwierigen Situation sind, sie haben also ein Problem oder eine Frage, die sie lösen möchten.

Es kommen Mädchen ab fünf bis sechs Jahren, die etwas erlebt haben, dass ihnen nicht gut getan hat. Zum Beispiel weil sich die Eltern zu Hause sehr stark streiten, teilweise auch so stark, dass die Polizei kommen musste, weil es für einen Elternteil gefährlich wurde. Es ist oft so, dass der Vater gewalttätig war, aber es kann durchaus auch vorkommen, dass die Mutter gewalttätig wurde. Das ist eher ein Thema bei den kleineren Mädchen.

 

Mädchen ab zehn bis zwölf Jahren kommen oft, weil sie zum Beispiel Sachen in der Schule erlebt haben, die ihnen nicht guttun und sie sich nicht mehr konzentrieren können. Zum Beispiel Mobbingerfahrungen, wenn Kinder eine Außenseiterposition haben, Sachen hören, die sie sehr verletzten oder mit dem Handy Nachrichten bekommen, die ihnen wehtun.

Dann kommen Mädchen zwischen zwölf und 13 zu uns, die sich mit den Eltern streiten, sich zu Hause nicht mehr wohl fühlen, weil die Eltern sehr streng sind oder sich gar nicht um das Mädchen kümmern und es auf sich alleine gestellt ist, weil es keinen Ansprechpartner zu Hause gibt. Es gibt auch Mädchen, die sich nicht trauen, nach Hause zu gehen, weil sie Angst vor dem haben, was sie dort erwartet.

 

Die älteren Mädchen, ab 15-16 Jahren haben eher Probleme, wo sie merken, dass bei ihnen etwas nicht stimmt, weil sie sehr oft traurig sind, was man Depression nennt. Oder wenn sie etwas Blödes erleben und sich als Folge verletzen, also sich schneiden, um sich zu spüren. Die Mädchen wollen sich eigentlich nicht verletzen, und es soll auch niemand mitbekommen, allerdings sieht man die Wunden oft und das Mädchen wird darauf immer wieder angesprochen. Oft wissen die Mädchen nicht, was sie darauf antworten sollen und kommen dann zu uns in die Beratungsstelle und erzählen, dass ihre Freundinnen die Verletzungen gesehen haben und wissen wollen, warum sie das gemacht hat, aber sie kann es ihnen nicht erklären, weil sie es selbst nicht weiß. Dann schauen wir, einen Weg zu finden, wie sie besser davon erzählen kann, wie sie mit der Mama oder dem Papa darüber reden kann usw.

 

Die ältesten Klientinnen sind junge Frauen bis zu 27 Jahren, da ist das Thema oft eine  Schwangerschaft, also wenn eine Frau ein Baby erwartet, aber es eigentlich nicht will und nicht weiß, was sie machen soll, wenn sie Mutter ist. Außerdem kommen junge Frauen zu uns, die zum Beispiel abends ausgegangen sind und ein Mann sie plötzlich berührt hat an Körperstellen, wo sie nicht berührt werden wollte. Das nennt man dann einen sexuellen Übergriff und das ist sehr belastend für die Frauen, dass sie sich z.B.  darum nicht mehr trauen am Abend raus zugehen. Diese Frauen kommen dann zu uns, um zu schauen, wie sie das Erlebte verarbeiten können und wie sie sich verhalten können, damit  sowas nicht mehr passiert.

 

MÜK: Kommen auch die Geschwister mit oder kommen die Freundinnen von ihnen mit?

Angelika Bauer: Es kommt ganz oft vor, dass Mädchen mit ihrer besten Freundin hier her kommen oder Freundinnen dem Mädchen erzählen, dass es so etwas wie eine Beratungsstelle für Mädchen gibt und ihre Freundin hier her bringen oder ohne sie kommen. Dann erzähle Ich ihnen, was wir hier in der Beratungsstelle für Angebote haben und dass es eigentlich besser ist, wenn das Gespräch zu zweit (mit Mir) und dem Mädchen weitergeführt wird. Die Freundin draußen kann dann eine halbe Stunde draußen warten oder spazieren gehen, denn meistens ist es sinnvoll, wenn das Mädchen mit mir alleine spricht.

 

Geschwister hatten wir auch schon da, diese können aber nicht bei derselben Beraterin beraten werden können, dass eine Mädchen könnte dann eben zu mir und die Schwester zu einer anderen Beraterin. Genauso ist es, wenn eine Mutter mit ihrer Tochter in die Beratung kommt.

 

MÜK: Rufen auch manchmal Freundinnen von der Betroffenen, um ihrer Freundin zu helfen?

Angelika Bauer: Es kommt ganz oft vor, dass eine Freundin oder eine Tante, eine sogenannte Bezugsperson bei uns anruft wegen einem Mädchen, in dem Fall sagen wir: Kommen Sie doch mal mit dem Mädchen vorbei, wir können einen Termin für die Beratung vereinbaren und schauen, wo und wie wir weiter helfen können. Es kostet für die Bezugsperson Überwindung, hier anzurufen und zur Beratungsstelle zu kommen. Wir erklären, was sie bei einer Beratung erwartet, dass es zum Beispiel kostenlos ist, dass sie eine einmalige Beratung oder mehrere Beratungen in Anspruch nehmen können.

 

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MÜK:  Wie alt sind denn die meisten Mädchen, die hier her kommen?

Angelika Bauer: Das ist ziemlich gemischt. Etwa 10% sind zwischen fünf und zehn Jahre alt, die meisten sind zwischen zwölf und 17 und wiederum weniger über 20 Jährige. Es kommen aber auch viele Fachkräfte, SozialarbeiterInnen und LehrerInnen, die Fragen zu einem Mädchen haben, mit dem sie arbeiten.

 

MÜK: Wie viele Mädchen kommen so am Tag?

Angelika Bauer: Ich habe zwischen fünf und 6 Kontakte, also Termine mit Mädchen am Tag.  Allerdings habe ich noch fünf Kolleginnen, die ja auch Kontakte haben. Insgesamt gehen bei uns 40-50 Personen in der Woche ein uns aus.

 

MÜK: Ihre Öffnungszeiten beginnen auch schon vormittags. Aber um 10 Uhr können ja nur ältere kommen, die nicht in der Schule sein müssen. Oder kommen auch Kleinere, die so verzweifelt sind, dass sie nicht mehr in die Schule gehen?

Angelika Bauer: Es kommt vor, dass eine Schulsozialarbeiterin mit dem Mädchen zu uns in die Beratung kommt. Leider ist es nicht möglich, dass das Mädchen eine Schulbefreiung bekommt, um z.B. jede Woche während der Schulzeit zu uns zu kommen. Das liegt allerdings an der Aufsichtspflicht, da die Schule von 8-mindestens 1 die Aufsichtsplicht hat und sie allein zur IMMA schicken kann. Aber sonst, da hast du Recht, kommen vormittags eher die älteren Mädchen und Frauen, die keine Schule haben. Nachmittags ab 15 Uhr kommen dann eher die jüngeren Mädchen, aber wir haben beobachtet, dass durch den Nachmittagsunterricht, die Mädchen oft erst später kommen können, so haben wir schon oft auch Termine um 18 oder 19 Uhr vergeben, auch wenn das nicht die Regel ist.

 

MÜK: Woher wissen die Mädchen, dass es die Beratungsstelle gibt?

Angelika Bauer: Im Herbst haben wir eine große Kampagne gestartet, damit möglichst alle wissen, dass es uns gibt, Wir haben zum Beispiel in der U-Bahn Banner und Plakate, in den Schulen (vielleicht eher nicht in den Grundschulen)müssten viele Plakate von uns hängen. Außerdem gibt es immer wieder Artikel in den Zeitungen. Es gibt auch vom Stadtjugendamt immer wieder Angebote, wie Fortbildungen, die dafür sorgen, dass wir in München bekannt werden. Aber da könnte man noch viel mehr machen, damit uns wirklich alle kennen.

 

MÜK: Kommen die Mädchen hier freiwillig zu Ihnen?

Angelika Bauer: Ich kann es nicht immer nachverfolgen, woher der Impuls kam und wer die Idee hatte, hier her zu kommen. Aber oft ist es tatsächlich so, dass das Mädchen den Rat von jemand andrem bekommen hat, dass sie doch hier her kommen soll. Dementsprechend kommt das Mädchen dann mit gemischten Gefühlen, also meist halb freiwillig zu uns. Aber es gibt einen wichtigen Teil  der Beratung, wo Ich ihr erkläre, wie es hier abläuft, was sie hier erwarten kann und was nicht möglich ist. Ich sage ihr auch, dass die Beratung freiwillig stattfinden soll. Es bringt wenig, wenn sie hier unter Druck ist und nur da ist, weil sie jemand damit einen Gefallen tut. Das macht keinen Sinn und ist nicht hilfreich. Wenn sich das Mädchen aber dann darauf einlassen kann und sagt:  „Ja, es macht Sinn, dass es mir bald wieder besser geht, komme ich hier her.“ Dann ist die Freiwilligkeit gegeben

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MÜK: Es sind ja viele Spielsachen im Raum. Wird mit dem Mädchen oft gespielt, um sie „weich“ zu bekommen?

Angelika Bauer: Es ist in der Tat so, dass viele Spiele hier gespielt werden. Ich spiele sehr gerne und habe das auch beruflich gemacht. Das Spiel ist eine Methode aus der Spieltherapie, um mehr heraus zu finden. […] Ich bin jetzt keine Therapeutin, sondern Sozialpädagogin mit Beraterinausbildung und dennoch bin ich total davon überzeugt, dass man beim Zeichnen oder Spielen anders mit der Betroffenen zusammen sitzen kann, weil es löst und entspannt. „Weich bekommen“ würde ich es nicht nennen, aber du hast im Prinzip Recht, sie werden einfach lockerer, trauen sich mehr zu und trauen sich, mir etwas zu erzählen, was sie sich sonst nicht getraut hätten. Ganz oft, wenn ich mit Mädchen etwas Male oder Bastle, dann fällt es ihnen wirklich leichter, als mir im Gespräch gegenüber zu sitzen, was auch mal steif sein kann.

 

MÜK: Was machen Sie mit den Größeren, die nicht mehr spielen?

Angelika Bauer: Dann sind die Gespräche sehr gesprächsbasiert. Ich stelle viele Fragen, um genau zu verstehen, worum es dem Mädchen geht, ich versuche ihr Anliegen durch meine Fragen zu erkennen. Dann gibt es Übungen und Möglichkeiten, wie man zu einer Lösung kommt. Zum Beispiel würde ich ein jugendliches Mädchen fragen, dass ganz viel Stress und Streit mit ihrem Freund hat und vielleicht sogar Gewalt dabei eine Rolle spielt, ob sie vielleicht früher schon mal ähnliches erlebt hat. Ihre Erlebnisse würde ich dann auf Karten scheiben und auf den Boden legen.

 

Dann würde ich aber auch fragen, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt und was sie sich wünscht, sogenannte Visionen, die wir ebenfalls aufschreiben und auch hinlegen. Also ich rede ganz viel mit ihr, wir schreiben aber auch vieles auf, halten es fest fürs nächste Mal, damit man zusammen eine Lösung findet, wie sie z.B. aus der Beziehung rauskommt, weil sie den Typen oft schon noch liebt, aber die Streitereien eben sehr belastend sind. Manchmal stehen wir auch auf und spielen ein Rollenspiel, um ihr zu zeigen, wie sie anders mit Konflikten umgehen kann, allerdings könnte Ich mit ihr in ihrem Alter nicht mehr so spielen, wie mit den Jüngeren. Also Puppenhaus würde ich mit ihr nicht mehr spielen, da würde die junge Frau auch denken, ich hätte einen Vogel.

 

MÜK: Ist IMMA eine Abkürzung?

Angelika Bauer:

I steht für = Initiative, für  M= Münchner M=Mädchen A=Arbeit. IMMA wird aber nur noch Initiative für Münchner Mädchen genannt, da man bei dem Begriff „Arbeit“ sich gedacht hat, dass es so klingt, als müssten die Mädchen arbeiten, was ja nicht stimmt. Das „A“ zum Schluss haben wir aber dennoch behalten, weil „IMM“ seltsam klingt.

 

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Danke an IMMA für das Interview!

 

MÜK: Können Sie den meisten Mädchen helfen, hier hängen auch viele schöne, von Mädchen gemalte Bilder von den Mädchen rum?

Angelika Bauer: Wir bekommen nicht immer die Rückmeldung, wie hilfreich das Angebot war, aber wir bekommen hin und wieder Briefe, in denen die Mädchen schreiben oder es uns persönlich im Gespräch erzählen, dass es ihnen jetzt wieder besser geht und die Probleme sich verringert haben. Wenn ein Mädchen drei bis vier Monate da war und sagt: „So, jetzt bin ich gerüstet, jetzt hab ich diese schwierige Phase hinter mir und schaue anders in die Zukunft“, ist das für uns ein erfolgreicher Beratungsprozess. Es kommt aber auch immer wieder vor, dass ein Mädchen nicht mehr zu einem festen Beratungstermin kommt, etwa ein Viertel aller Beratungen werden abgebrochen. Das kann verschiedene Gründe haben: Entweder hat sich das Problem für das Mädchen gelöst oder das Mädchen vielleicht mit der Beratung nicht zufrieden. Wir sagen immer gleich zu Beginn der Beratung, dass sie sich beschweren können und sollen, wenn ihnen etwas nicht passt oder merken, dass die Beraterin nicht die Richtige für sie ist. So etwas können sie das zum Beispiel mit der Beraterin oder mit der Leiterin der Beratungsstelle klären. Aber vermutlich beschweren sich auch nicht alle Mädchen, weil sie sich aus irgendwelchen Gründen nicht trauen.

 

In wie weit wie den Mädchen langfristig oder nachhaltig geholfen haben, können wir schlecht erforschen, dafür gibt es keine Beweise. Aber so, wie ich das immer mitkriege, und z.B. weiß, dass es für das Mädchen wieder passt, dann ist es für mich schön zu wissen, dass ich meinen Beitrag dafür unter anderem geleistet habe. Es gibt bestimmt noch andere Menschen, die mitgeholfen haben, aber ein Teil davon war bestimmt auch der Besuch in der Beratungsstelle.

 

MÜK: Wie oft kommen die Mädchen durchschnittlich?

Angelika Bauer: In der Regel sind die Mädchen ein halbes Jahr bei mir. Das ist in der Regel der Durchschnitt. Es gibt welche, die seit drei bis fünf Jahren kommen, andere kommen vier bis fünf-mal. Viele brauchen auch nur einen Termin, aber der Hauptteil derer, die sich auf eine Beratung einlassen, kommt regelmäßig und wöchentlich über ein halbes Jahr zu uns.

 

MÜK: Gibt es Mädchen, die sich nicht trauen, hier her zu kommen und sich deswegen lieber telefonisch beraten lassen?

Angelika Bauer: Ein paar Mädchen wollen sich lieber telefonisch beraten lassen. Da weißen wir immer wieder darauf hin, dass die telefonische Beratung ihre Grenzen hat. Am Telefon sieht man sich ja nicht, man kann nicht so gut einschätzen, wie der Stimmungszustand der Person gerade ist und kann darauf nicht so gut eingehen. Wir bieten extra Telefonsprechzeiten an, damit man mit uns am Telefon mit einer Beraterin sprechen kann und bieten auch eine Onlineberatung, die sehr viel in Anspruch genommen wird, an. Dazu gibt es eine Internetseite mit Sicherheitsvorkehrungen, damit niemand Fremdes auf die Informationen und Gespräche zugreifen kann.

 

Die Mädchen können zu jeder Zeit ihr Anliegen oder ihr Problem uns schicken und bekommen spätestens innerhalb von 48 Stunden eine Antwort von uns. Die Antwort ist keine Email sondern eine Nachricht, die sie privat auf unserer Seite bekommt. So kann man auch über mehrere Monate hin und her schreiben, aber wenn das Mädchen aus München kommt, versuchen wir ihr zu raten, zu uns in die Beratungsstelle zu kommen, wenn sie das braucht.

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MÜK: Wie kommt man auf diese Seite, wenn sie gesichert ist?

Angelika Bauer: Das Mädchen muss sich registrieren mit ihrer E-Mailadresse und einem eigenen Passwort und ein paar Fragen beantworten, die wir uns ausgedacht haben. Und nur über diesen Weg kommt sie wieder auf ihren Bereich unserer Seite und kann dort unsere Antworten und ihre Nachrichten lesen. Unser Programm ist aber mit mehreren Sicherheitsvorkehrungen geschützt, bisher hat noch niemand unser System geknackt.

 

MÜK: An welche Beratungsstelle würden Sie Jungs verweisen?

Angelika Bauer: Es gibt eine Beratungsstelle für Jungs, die häusliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben, die KIBS heißt. Sexuelle Gewalt ist, wenn der Junge einen Übergriff erlebt hat und zum Beispiel vergewaltigt worden ist und häusliche Gewalt ist, wenn sich die Eltern so sehr streiten, dass z.B. die Polizei kommen muss. Jungen, die Probleme haben, wie: „Ich verstehe mich mit meinen Eltern nicht mehr, Ich habe Angst, nach Hause zu gehen oder Ich habe in der Schule Schwierigkeiten“, können zu den Erziehungsberatungstellen in München gehen, dort kann man auch alleine ohne Eltern hingehen oder mit der Familie.

 

MÜK: Was sind die häufigsten Geheimnisse, die die Mädchen erzählen?

Angelika Bauer: Die meisten, sehr belastenden Geheimnisse gehen meistens darum, dass sich die Eltern streiten und sich das Kind dafür schämt. Oft denkt sich das Mädchen: „Bei allen Familien ist es so harmonisch, da geht alles ganz gut, es gibt keine Konflikte und nur bei mir zu Hause ist es so schlimm“. Das kann ein belastendes Geheimnis sein, was man vielleicht nicht mal mit der besten Freundin besprechen will, weil es in der Familie der Freundin nicht zu solchen Streits kommt. Oder das Geheimnis ist, dass sich die Eltern getrennt haben und das Mädchen nur zu bestimmten Zeiten die Mutter oder den Vater sehen kann, teilweise auch nur in Begleitung vom Jugendamt mit geregelten Zeiten.

 

Dann kommt es bei uns sehr oft vor, dass ein Mädchen z.B. von einem Verwandten, wie dem Onkel oder dem Vater angefasst wurde, wo sie nicht angefasst werden will und ihr etwas antut und sie zum Beispiel vergewaltigt. So ein Geheimnis tragen viele Mädchen lange mit sich rum und trauen sich einfach nicht, es jemanden zu sagen. Das Gefährliche daran ist, dass der Täter, der das gemacht hat, der Verwandte des Mädchens oder wer auch immer oft in der Nähe ist und der Vorfall immer wieder passieren kann. In dem Fall ist es ganz notwendig, dass jemand für das Mädchen da ist, sich ihre Geschichte anhört und nicht in Panik gerät und sagt: „Da musst du sofort raus!“, weil die Mädchen ganz oft Gründe haben, warum sie das Erlebnis geheim halten wollen. Die Mädchen befinden sich oft in einem Dilemma. Sie wissen zwar, dass das, was ihnen angetan wurde, falsch und nicht in Ordnung ist, aber sie haben vielleicht auch Angst, dass sich alles verändert, wenn sie es jemanden erzählen. So kann es sein, dass die Familie nicht mehr zusammen leben kann, wenn der Vater der Täter ist. Oder der Täter hat das Mädchen erpresst und ihr gedroht, dass sie es ja niemanden sagen darf, weil sonst etwas Schlimmes passiert usw.

Sehr, sehr oft ist es so, dass das Mädchen keine Lösung sieht und nicht weiß, wie es sich verändern könnte. Sie sagt nichts, weil sie keine Idee hat, wie es sich verändern kann.

 

Die Mädchen, die zu uns kommen, haben  aber auch andere Geheimnisse, wenn es zum Beispiel in der Schule schlechte Noten geschrieben oder die Unterschrift der Eltern gefälscht hat und es den Eltern nicht erzählt hat. Dadurch gerät es in ein Geheimnisloch rein und weiß nicht, wie es da wieder raus kommt. Oft wissen die Mädchen nicht, wie sie erklären sollen, wie sie in die Situation gekommen sind.

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MÜK: Woran merke ich, dass ich ein Geheimnis weiter erzählen soll?

Angelika Bauer: Bei einem „guten“ Geheimnis hat man ein spannendes Gefühl und freut sich, dass etwas nur einem selbst gehört oder man sich ein Geheimnis mit einem Freund oder einer Freundin teilt.

Bei einem belastenden Geheimnis ist es so, dass man eine Schwere mit sich rumschleppt und einem das Geheimnis sehr oft am Tag beschäftigt, man immer wieder dran denkt und auch körperlich merkt, dass es einem schlecht geht. Das kann man daran merken,  wenn man z.B. Nicht mehr schlafen kann, weil man nachts grübelnd im Bett liegt und überlegt, wie man aus der Situation rauskommt oder mitten in der Nacht aufwacht, weil man einen Albtraum hatte und nicht mehr zur Ruhe kommen kann. Gerade kleine Mädchen dann beginnen oft, wieder einzunässen, also nachts nichts aus Klo gehen, sondern ins Bett zu pieseln. Das wäre ein Zeichen, wo die Eltern dem nachgehen sollten, um zu erfahren, was passiert ist.

 

Es gibt aber auch Signale vom Körper, da geht man vielleicht ganz normal durch die Straße und plötzlich kommt ein Erinnerungsblitz, wo man ganz fest an die Sache wieder denken muss und wie gelähmt ist und nicht mehr weiter gehen kann. Das erleben oft Menschen, die einen Unfall oder eine Vergewaltigung erlebt haben.

Ein weiteres Merkmal für ein schlechtes oder belastendes Geheimnis ist, wenn man bestimmte Menschen oder Orte auf einmal meidet und dort nicht mehr hingehen möchte oder kann. Zum Beispiel, wenn etwas in der Schule passiert ist und man deswegen nicht mehr in die Schule gehen will und sich darum oft krank meldet. Wenn es das Leben so sehr einschränkt, dass man sein Leben nicht mehr so leben kann, wie man es vorher getan hat oder vielleicht nichts mehr essen mag, weil einem sofort schlecht wird. Das sind unter anderem Signale, wo ein Geheimnis einer Person anvertraut werden sollte, die weiter helfen kann. Das kann eigentlich jede/r sein, das Mädchen kann das für sich selbst bestimmen und weiß in der Regel wer dafür die Richtige Person ist, bei der das Verhältnis am besten ist. Wenn es aber so jemanden nicht gibt, wäre eine Beratungsstelle ein erster Anfang für den weiteren Schritt.

 

Ich habe schon ganz oft den Satz gehört: „…Und Du bist die erste, der ich das erzähle.“ Also es gab vorher niemanden, der in Frage gekommen wäre und damit ist für sie etwas losgegangen, dass sie aus dem Problem rauskommen kann. Das ist wichtig, dass der erste Schritt gegangen wird und danach geht es automatisch irgendwie weiter und verbessert sich.

 

 

Interview: Annabell, Charlotte, Julius & Sophie

Text: Fiona Kennedy

Illustrationen: Kristina Gottlöber, Pauline Karlson

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